Hier gibt es so viele Leute, dass man meinen könnte, man falle gar nicht auf. Aber zumindest den Nachbarn bin ich bereits ein Begriff, zumal an unserer Strasse Leute wohnen, die sich anscheinend nie mehr als 20 Meter davon entfernen, und somit all ihre Aufmerksamkeit auf diese Umgebung richte. Und dann habe ich auch immer mit den Leuten vom Markt geredet, von ihnen Bilder gemacht und von der Schweiz erzählt, und von meiner Schule hier. Aber irgendwie mochte ich den Gedanken, immer bei ihnen einzukaufen, doch nicht. Die Cumuluskarte macht das zwar auch, alles wissen was man so kauft, aber ist doch unpersönlicher und weniger intim, wenn es nicht das direkte Gegenüber ist, sondern einfach ein Plastikding. Es ist immerhin ziemlich viel private Information, was man so alles isst. Deshalb (und, weil sie halt wirklich nicht alles haben) habe ich begonnen, im Supermarkt an der grossen Strasse einzukaufen. Ich fühle mich zwar jedes Mal ein wenig schuldig, wenn ich mit den Plasitksäcken am Minimarket vorbeigehe, aber sei’s drum. Vielleicht haben sie deshalb schlecht über mich geredet, nach dem Einbruch.
Nach der Rückkehr von meiner dreiwöchigen Türkeitour musste ich nämlich erfahren, dass der Wohungsbesitzer reklamiert hatte. Er sei unter anderem nicht erfreut zu hören, dass ab und zu auch Männer bei uns übernachtet hätten, und sein Unmut kam daher, dass die Leute vom Quartier angeblich nicht gerade schmeichelhaft über uns geredet hatten. Dabei hatte ich geglaubt, gut mit ihnen klar zu kommen. Aber anscheinend hatte der kriminelle Zwischenfall alle verunsichert und aufgeregt, und sie wollten halt gern einen Schuldigen haben, weshalb etwas derartiges in ihrem sicheren kleinen Quartier geschehen war, wo doch seit 20 Jahren nichts passiert sei.
Trotzdem, kein Grund, uns anzuschwärzen, und so beschloss ich, von nun an mich von ihnen fern zu halten, und so wurde ich zur Stammkunding des Hippermarkets weiter oben, der, wie eine kleine Migros eingerichtet, mehr Anonymität verspricht.
Jedoch musste ich heute feststellen, dass ich auch da anscheinend einen überdurchschnittlichen Bekanntheitsgrad erreicht habe. Ich dachte immer, sofern ich mich nicht wie ein abgefreakter Punk kleide und mir die Haare nicht färbe, würde ich nirgends auffallen, aber vielleicht hätte ich zur Unscheinbarkeit genau das tun sollen – also das Haarefärben, nicht das Punkkleiden. Denn trotz allem ist man als halbwegs Blonde schon eine Ausnahme. Zudem bin ich schon mehrmals kurz vor Ladenschluss noch reingerannt, und spätestens seitdem ich nach Zahnstochern gefragt habe und aus Wortmangel mimische Darstellungen präsentierte, lächelt der Kassierer immer wissend, wenn ich eintrete.
Aber, es stört mich nicht. Eigentlich ist es sogar sehr nett, erkannt zu werden. Und mit dem Mann vom Minimarket bin ich ebenfalls auf dem Friedenspfad, er hat mir letztin sogar wieder Tee angeboten, und ich ihm Chräbeli.
Neues Jahr, neues Glück – und teils auch zum alten zurück.
Ob er gerne Crème und Zucker hätte, hat meine Kollegin den Gast gefragt, und er hat geantwortet: "Schwarz! Das soll ja bekanntlich schön machen." Ich stand mit dem Rücken zu ihm und habe gesagt: "Kalt. Kalter Kaffe soll schön machen, nicht schwarzer. Regen und kalter Kaffe." Sprüche bezüglich sonniger Kindheit oder "Aber aufpassen, dass es nicht kitschig wird!" habe ich mir verkniffen. Obwohl's mir auf der Zunge gelegen hätte.
Freitag, 1. Januar 2010
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