Ob er gerne Crème und Zucker hätte, hat meine Kollegin den Gast gefragt, und er hat geantwortet: "Schwarz! Das soll ja bekanntlich schön machen." Ich stand mit dem Rücken zu ihm und habe gesagt: "Kalt. Kalter Kaffe soll schön machen, nicht schwarzer. Regen und kalter Kaffe." Sprüche bezüglich sonniger Kindheit oder "Aber aufpassen, dass es nicht kitschig wird!" habe ich mir verkniffen. Obwohl's mir auf der Zunge gelegen hätte.

Freitag, 31. Juli 2009

Beobachtungen auf der Alp


Nie wieder werde ich sagen, ich sei „auf dem Land aufgewachsen“. Oder „vom Land“. Nienienienienie. Genau so wenig wie „von der Stadt“. Es geht nicht um Relativität, es geht um Absolution. Ich bin vom Dorf, basta.
Dies mein Fazit nach einer Woche auf der Alp, im Caritas-Berghilfeeinsatz. Ich wohne also bei einer Bauernfamilie, in Wiesenberg bei Wirzweli, bei Bauer, Bäuerin und deren jüngsten Sohn.
Hier habe ich auch den Glauben an den Röstigraben verloren. Ich komme mir ein wenig vor wie in einer Nachahmung vom schweizer Kinohit „Jeune homme“. Anstatt wie Sebastian im Film mit dem Baby habe ich mich dabei ertappt, wie ich mit dem Hund spreche. Aber nur selten. Und über nichts vergleichbar Reflektiertes. Immerhin verstehen sie mich ziemlich gut. Doch wenn ich inmitten dieser Nidwaldner sitze, und auch wenn ich mich noch so konzentriere – bei den Romands verstehe ich meist mehr. Vielleicht funktioniert die Schweiz deshalb besser als andere mehrsprachige Länder: hier gibt es nicht bloss Verständigungsprobleme zwischen den Französisch-, Italienisch- und Deutschsprachigen, sondern zwischen allen.
Markus, der Sohn des Bauernpaars, mit dem ich einen ganzen Tag eine Weide von Unkraut säuberte, kennt meinen „Sorry aber das habe ich dialektisch nicht verstanden“-Blick schon, und wiederholt geduldig und deutlich, was er soeben gesagt hat. Mein verständnisloser Ausdruck sieht wahrscheinlich ähnlich aus wie jener von meiner deutschen Mitstudentin, obwohl sie meist leit perverse Dinge (miss)versteht wo keine waren, wohingegen ich nicht die geringste Ahnung habe, was soeben gesagt wurde. Jedoch habe ich mich ein wenig daran gewöhnt und verstehe mehr und mehr.

Der älteste Sohn, der den früheren Familenbetrieb (ca. 100 Meter entfernt) übernommen hat, stösst auch hin und wieder dazu und packt mit an, wie z.B. heute, beim Heuen. Ich durfte mit ihm die kurze Strecke vom Feld zum Stall im Traktor mitfahren. Er blickte mich an und fragte (mit rhethorischem Unterton): „Tui bisch uisr Schta?“*, was ich bejahte, jedoch anfügte: “Ämol fascht.“.
Nun ja, ein wenig Stadttussi war ich ja schon, da oben. Ich gab mein Bestes, aber beim Heuen am Hang bei 32 Grad konnte ich weder den Heuschnupfen noch die Abneigung geben Brämen vertuschen. Zumidest war ich nicht die einzige, die wie verrückt schwitzte, auf Bauer Walti war Verlass: Als er mit mir nach dem Heuen ins Dorf fuhr, um Fleisch zu holen, fragte uns der Metzger, was das denn für Heu geben würde, wenns da reingeregnet habe - wir klärten den Mann im Kühlfach auf, dass die Ursache des durchnässten Hemdes nicht Regen, sondern Schweiss sei.

Ich habe also viel gelernt in der kurzen Zeit auf dem Hof, unter anderem auch, wie man Cordon bleu macht. Und, dass es okay ist, es mit G zu schreiben. Worauf mir eingefallen ist, dass eine Freundin von mir in der Kanti mal einen Power Point-Vortrag über Cordon Bleus gemacht hat - nein halt, das waren Schnitzel. Ich glaube, unser Lehrer hat sich ein wenig gewundert darüber, aber ich fand es ausgesprochen toll.
Meine Gastgeber wissen zwar, dass es so etwas wie Computer gibt, aber von solchen Präsentationsprogrammen haben sie nicht den geringsten Schimmer, und das ist gut so. Nicht, dass Power Point die Gesellschaft verderben würde, im Gegenteil, es hätte nur nicht den geringsten Nutzen.
Obwohl, manchmal frage ich mich ja schon, ob es den bei uns hat.



* Übersetzung: "Du bist aus der Stadt?"

Freitag, 17. Juli 2009

Beobachtungen, frühmorgens am Strand

Ein Mann liegt da, auf seinem Badetuch, und liest. Reglos, da er so weit weg ist.
Der Traktor mit der Sandputzmaschine kommt näher. Zielt auf den Liegenden. Elends langsam, weil er so weit weg ist.
Ein Vater mit seinen zwei Söhnen paddelt herum, auf seinem blauen Surfbrett. Die Jungen haben deren gelb und rote. Der Vater schickt sie an den Strand, setzt sich im ruhigen Wasser auf sein Brett und zählt laut von drei bis eins, dann pfeifft er. Der Bub mit gelb, der grössere, rennt ins Wasser, wirft sein Brett und paddelt los. Umrundet den Vater, paddelt zurück. Der Kleine schleppt sein Brett, wirft es, es dreht sich, er dreht es, springt auf, die einzige Welle seit Minuten erfasst ihn und wirft ihn zurück, er paddelt, doch seine Arme erreichen das Wasser kaum; die Oberarme liegen seitlich ausgestreckt auf dem Brett, er paddelt aus den Ellenbogen, und bevor er beim Vater ist, hat sein Bruder bereits den Strand erreicht und keucht voller Stolz.
Währenddessen hat sich er Traktor dem Lesenden soweit genähert, dass es spannend wird: einer der beiden muss nachgeben. Es ist der Traktor, der minim vom Kurs abweicht, es scheinen bloss Milimeter zu sein, weil er so weit weg ist, und der Lesende rührt sich noch immer nicht. Wäre er nicht auf seinen Ellenbogen aufgestützt, würde ich hingehen und nachschauen, ob er nicht tot ist, und ich bin ganz froh darüber, dass der Traktor ihm so nahe kommt, der Fahrer würde ja auch etwas merken.
Ein Hund springt ins Wasser, wieder raus, ins Wasser, raus, bellt ein älteres Ehepaar an, buddelt. Ich frage mich, ob das ältere Ehepaar schon lange Ehepaar ist, oder ob seine Menschen das einzig ältere sind daran. Und ob es überhaupt ein Ehepaar ist, ich kann keine Ringe erkennen, denn sie sind so weit weg, und auch Eheringe würden nicht bedeuten, dass der Bund zwischen ihnen beiden geschlossen wurde.
Der Hund hechelt ihnen hinterher, und sie gehen an den Surfbrettern der kleinen Familie vorbei, bei der ich auch nicht weiss, dass sie verwandt sind. Um Ähnlichkeiten zu erkennen müsste ich näher heran gehen, und auch wenn ich solche gefunden hätte, wäre das kein Beweis, auch fragen würde nichts beweisen, das Familenbüchlein wäre am stichfestesten. Und doch, auch ohne Beweis, bin ich mir sicher, dass sie eine Familie sind. Und ich kann mir vorstellen, dass unsere Familie genau so ausgesehen hätte, wenn meine Schwester und ich Jungen wären, und wir an einem Ort mit Strand aufgewachsen wären. Dann könnten es sogar wir sein, auch als Mädchen. Aber wir sind nicht hier aufgewachsen und haben keine Wettpaddeln veranstaltet, morgens um halb acht, und wenn ich es mir recht überlege, hätten wir uns so oder so nicht um diese Uhrzeit etwas derartigem gewidmet, und das ist auch gut so.