Ob er gerne Crème und Zucker hätte, hat meine Kollegin den Gast gefragt, und er hat geantwortet: "Schwarz! Das soll ja bekanntlich schön machen." Ich stand mit dem Rücken zu ihm und habe gesagt: "Kalt. Kalter Kaffe soll schön machen, nicht schwarzer. Regen und kalter Kaffe." Sprüche bezüglich sonniger Kindheit oder "Aber aufpassen, dass es nicht kitschig wird!" habe ich mir verkniffen. Obwohl's mir auf der Zunge gelegen hätte.

Donnerstag, 14. Mai 2009

Ich habe die Ansprechangst

Diese Woche habe ich bemerkt, wie sehr Jordanien und seine heiratswilligen Bewohner einen Eindruck bei mir hinterlassen haben:
Ich sass im Zug im Bahnhof Zürich, und wartete darauf, dass er abfährt. Wie immer um halb 10 abends ist es ein alter, ausländischer Waggon, mit 6er-Abteilen, die ich so mag. Es setzten sich noch 2 Frauen in mein Abteil, und dann ein Typ. Er setzt sich mir gegenüber, und ich stöhne innerlich auf. Prophylaktisch stecke ich die Stöpsel in die Ohren und höre schlechte Musik, in der Hoffnung, das könnte ihn abschrecken. Da fällt mir auf, dass dies ein Schuss nach hinten sein könnte, dem Kleiderstil nach könnte mein Gegenüber Enrique Iglesias-Fan sein. -Mir ist sowieso nicht nach Musik, also wieder weg damit.

Bis Dietikon vermeide ich krampfhaft auch nur den leisesten Verdacht auf Augenkontaktaufnahme, was nicht so leicht ist, sitzt der Typ doch genau mir gegenüber, und weil's draussen dunkel und innen hell ist, spiegeln wir uns im Fenster.
Als das Schild der BDB vorbeizieht, kommt mir der Gedanke, dass vielleicht der Mann mich gar nicht anschaut. Ich weiss es nicht, da ich ihn ja ums Verrecken nicht ansehen will. Wäre ja nicht so abwegig, zumal ich einen anstrengenden Tag hatte und dementsprechend aussehe. Desweiteren bin ich hier schliesslich nicht die Ausnahme mit meinem europäischen Aussehen und dem dazugehörigen Pass. - Auch, dass der Mann sich ausgerechnet mir gegenüber gesetzt hat, scheint mir nicht mehr wirklich ein Zeichen der Anmache zu sein, immerhin befand er sich im Dilemma des 6er-Abteils:


Also, auf Sitz 1 sitze ich, als erste. Die nächste Frau nimmt auf Nummer 4 Platz, die dritte auf Nummer 3. Jetzt, der Typ, der springende Punkt: Er hat die Wahl zwischen a) sich direkt neben jemanden setzen (Nummer 5) oder b) sich direkt jemandem gegenüber setzen (Nummer 6). Sitz Nummer 2 wird gar nicht erst in Betracht gezogen, der ist ja zwischen zwei Sitzenden und somit ein allseitig anerkanntes No-Go. Was also tut der Mann? - Diese schematische Darstellung lässt logisch darauf schliessen, dass ers ich auf Platz Nummer 6 setzten muss, denn gegenübersitzen ist längst nicht so aufdringlich wie nebensitzen, wenn man noch einen Platz auslassen könnte.





Während ich mir das überlege, sind wir bereits am Halten, und als ich aufblicke, hat er sich schon erhoben, er hält mir die Zwischentür auf beim Aussteigen, und weg ist er, ohne auch nur ein Wort gesagt zu haben.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen