Ob er gerne Crème und Zucker hätte, hat meine Kollegin den Gast gefragt, und er hat geantwortet: "Schwarz! Das soll ja bekanntlich schön machen." Ich stand mit dem Rücken zu ihm und habe gesagt: "Kalt. Kalter Kaffe soll schön machen, nicht schwarzer. Regen und kalter Kaffe." Sprüche bezüglich sonniger Kindheit oder "Aber aufpassen, dass es nicht kitschig wird!" habe ich mir verkniffen. Obwohl's mir auf der Zunge gelegen hätte.

Sonntag, 31. Mai 2009

Misanthropische Züge

Schon auf der Hardbrücke wird mir bewusst, wie unangenehm die bevorstehende Heimfahrt sein wird. S-Bahnen sind im Allgemeinen ein Magnet der komischen Leute, nachts auch der betrunkenen Teenies, und nachts nach der FCZ-Meisterfeier am meisten zu meiden, da auch Fussballfanfangbecken.
Trotzdem, ich will nach Hause, und für ein Taxi ist mir das Geld zu schade; die halbe Stunde werde ich wohl noch überleben.
Ich finde sogar einen Sitzplatz, neben einem älteren Herrn, gegenüber von einem jüngeren, beide ohne Schals aber leider nicht weit der grölenden Bubis. "FC Züri olé! FC Züri olé! FC Züri olé!" Gopferdamminomol. Der Mann neben mir gibt leicht empörte Laute von sich. Die Bubis schreien weiter. Ich stelle Musik an, die gegen die "Süüd-kur-fääh!"-Parolen nicht ankommt. Aber es hilft ein wenig beim Distanzieren. Trotzdem, ich möchte aufstehen und diesen Tublen ins Gewissen reden, ins Gesicht schreien möchte ich ihnen, zuschlagen sogar. So wenig Rücksicht kann man gar nicht nehmen.
Wieder das empörte Gebrummel von nebenan. Ich frage mich, was mich mehr nervt, die Jungs oder der Mann. Auf halber Strecke verlassen uns die meisten Schreihälse, sowie die meisten anderen Passagiere. Aber Ruhe kehrt nicht ein. Die beim Ausgang Sitzenden bekommen Antwort von solchen hinter uns, und der Mann (er hat übrigens einen Schnautz) macht Geräusche in Richtung der Frau im Abteil ebenan, die sichtlich genervt ist, aber sich nicht mit ihm verbünden will. Der Mann scheint langsam zu merken, dass weder sie noch ich uns mit ihm unterhalten wollen, und ändert die Taktik: jetzt verheme ich immer mal wieder ein Lachen von ihm, wenn die Kleinen dumme Sprüche hin und her geben. Eigentlich sind es nicht einmal dumme Sprüche, sondern immer wieder die selben Parolen. Südkurve scheint die Osttribühne gefunden zu haben. Ich stelle mich schlafend, aber das hilft nicht. Manchmal wünsche ich mir, hörgeschädigt zu sein und das Gerät hinter dem Ohr einfach ausstellen zu können. -Nein ich bin froh, gesund und unbehindert zu sein, da kann ich ja noch mal eine solche Situation in Kauf nehmen für. Rede ich mir ein. Ich rede mir schon ein, dass es mich fröhlich stimmen sollte, diese Jungen so zu sehen, ist doch besser, als wenn sie den ganzen Abend vor dem Computer sässen. Hier jedoch beginne ich, meinem Wertesystem zu misstrauen: vielleicht täten sie besser daran, vor der Glotze zu sitzen statt hier, so assozial wie die sind.
Was genau ich unter assozial verstehe, ist mir jetzt grad auch nicht klar, immerhin sind sie eine Gruppe, sind fröhlich, kommunizieren, stellen Kontakt her mit anderen Reisenden, während ich allein vor mich hin murre und die Menschen um mich herum allesamt als störend empfinde.
Vielleicht ist es ganz gut, dass auch ich manchmal alleine vor dem Computer sitze.

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