
Nie wieder werde ich sagen, ich sei „auf dem Land aufgewachsen“. Oder „vom Land“. Nienienienienie. Genau so wenig wie „von der Stadt“. Es geht nicht um Relativität, es geht um Absolution. Ich bin vom Dorf, basta.
Dies mein Fazit nach einer Woche auf der Alp, im Caritas-Berghilfeeinsatz. Ich wohne also bei einer Bauernfamilie, in Wiesenberg bei Wirzweli, bei Bauer, Bäuerin und deren jüngsten Sohn.
Hier habe ich auch den Glauben an den Röstigraben verloren. Ich komme mir ein wenig vor wie in einer Nachahmung vom schweizer Kinohit „Jeune homme“. Anstatt wie Sebastian im Film mit dem Baby habe ich mich dabei ertappt, wie ich mit dem Hund spreche. Aber nur selten. Und über nichts vergleichbar Reflektiertes. Immerhin verstehen sie mich ziemlich gut. Doch wenn ich inmitten dieser Nidwaldner sitze, und auch wenn ich mich noch so konzentriere – bei den Romands verstehe ich meist mehr. Vielleicht funktioniert die Schweiz deshalb besser als andere mehrsprachige Länder: hier gibt es nicht bloss Verständigungsprobleme zwischen den Französisch-, Italienisch- und Deutschsprachigen, sondern zwischen allen.
Markus, der Sohn des Bauernpaars, mit dem ich einen ganzen Tag eine Weide von Unkraut säuberte, kennt meinen „Sorry aber das habe ich dialektisch nicht verstanden“-Blick schon, und wiederholt geduldig und deutlich, was er soeben gesagt hat. Mein verständnisloser Ausdruck sieht wahrscheinlich ähnlich aus wie jener von meiner deutschen Mitstudentin, obwohl sie meist leit perverse Dinge (miss)versteht wo keine waren, wohingegen ich nicht die geringste Ahnung habe, was soeben gesagt wurde. Jedoch habe ich mich ein wenig daran gewöhnt und verstehe mehr und mehr.
Der älteste Sohn, der den früheren Familenbetrieb (ca. 100 Meter entfernt) übernommen hat, stösst auch hin und wieder dazu und packt mit an, wie z.B. heute, beim Heuen. Ich durfte mit ihm die kurze Strecke vom Feld zum Stall im Traktor mitfahren. Er blickte mich an und fragte (mit rhethorischem Unterton): „Tui bisch uisr Schta?“*, was ich bejahte, jedoch anfügte: “Ämol fascht.“.
Nun ja, ein wenig Stadttussi war ich ja schon, da oben. Ich gab mein Bestes, aber beim Heuen am Hang bei 32 Grad konnte ich weder den Heuschnupfen noch die Abneigung geben Brämen vertuschen. Zumidest war ich nicht die einzige, die wie verrückt schwitzte, auf Bauer Walti war Verlass: Als er mit mir nach dem Heuen ins Dorf fuhr, um Fleisch zu holen, fragte uns der Metzger, was das denn für Heu geben würde, wenns da reingeregnet habe - wir klärten den Mann im Kühlfach auf, dass die Ursache des durchnässten Hemdes nicht Regen, sondern Schweiss sei.
Ich habe also viel gelernt in der kurzen Zeit auf dem Hof, unter anderem auch, wie man Cordon bleu macht. Und, dass es okay ist, es mit G zu schreiben. Worauf mir eingefallen ist, dass eine Freundin von mir in der Kanti mal einen Power Point-Vortrag über Cordon Bleus gemacht hat - nein halt, das waren Schnitzel. Ich glaube, unser Lehrer hat sich ein wenig gewundert darüber, aber ich fand es ausgesprochen toll.
Meine Gastgeber wissen zwar, dass es so etwas wie Computer gibt, aber von solchen Präsentationsprogrammen haben sie nicht den geringsten Schimmer, und das ist gut so. Nicht, dass Power Point die Gesellschaft verderben würde, im Gegenteil, es hätte nur nicht den geringsten Nutzen.
Obwohl, manchmal frage ich mich ja schon, ob es den bei uns hat.
* Übersetzung: "Du bist aus der Stadt?"
ey das klingt ja cool!
AntwortenLöschenhaben sie eine dusche oder musst du dich mit einer zeine, kaltem wasser und einem stück kernseife zufrieden geben?
wie lange bleibst du denn noch?