Ob er gerne Crème und Zucker hätte, hat meine Kollegin den Gast gefragt, und er hat geantwortet: "Schwarz! Das soll ja bekanntlich schön machen." Ich stand mit dem Rücken zu ihm und habe gesagt: "Kalt. Kalter Kaffe soll schön machen, nicht schwarzer. Regen und kalter Kaffe." Sprüche bezüglich sonniger Kindheit oder "Aber aufpassen, dass es nicht kitschig wird!" habe ich mir verkniffen. Obwohl's mir auf der Zunge gelegen hätte.

Samstag, 10. Oktober 2009

Ich wollte doch nur meine Studentenbuskarte holen...

Ich bin nun schon 3 Wochen in dieser Stadt, und ich liebe sie sehr. Sie ist wunderschön und lebendig und energievoll und unterhaltsam. Und heute habe ich begriffen, was die Leute meinen, wenn sie sagen: in Istanbul ist alles anstrengend.

Alles begann ziemlich früh. Nachdem ich angekommen und das erste Mal meinen Lehrer getroffen hatte, der für den Austuasch am Fotodepartement verantwortlich ist. Er meinte, er würde mir mit allem helfen, auch, die nötige Bestätigung zu kriegen, um besagten Ausweis beantragen zu können. Damit ist nämlich die Benutzung von allen öffentlichen Verkehrsmitteln erheblich billiger.
Nun denn, er tat lange nichts, und so ging ich selbst zum Exchange Office im Hauptcampus , und füllte Formulare aus. Ein paar Tage später kam ich wieder, und auf mein Drängen hin kriegte ich (nach einer halben Stunde Wartezeit) den gestempelten Zettel wieder. Damit machte ich mich auf die Suche nach einer Vafık Bank, wo ich 5 Lira bezahlen und eine Quittung abholen sollte.
1. Versuch, 16.50 Uhr: die Bank schliesst um 17.00 Uhr und lässt niemanden mehr rein.
2. Versuch (nächster Tag), 12.15 Uhr: ich habe meine Nummer gezogen und warte. Um Punkt 12.30 gehen die Lichter aus und alle müssen raus, Mittagspause bis 13.30 Uhr.
3. Versuch, 13.15 Uhr: diesmal stelle ich mich vor Öffnung der Filiale hinter den Einheimischen an. 20 Minuten später öffnen sich die Türen, alle ziehen erneut Nummern, und nach weiteren 10 Minuten bin ich dran. Es dauert kaum zwei Minuten und ich habe, was ich brauche.
Jetzt: los zum Haydarpaşa-Bahnhof, wo ich meine Unterlagen eintauschen kann. Laut ERASMUS-Frauchen. Leider nein: ich muss nach Hasanpaşa, wie mir ein Polizist erklärt, der dazu extra seinen Freund per Funk herbeiruft, der mir das ganze aufschreibt und wiederum einen Freund hinzuzieht, der mir alles noch auf (gebrochenem) Englisch erklärt. Ich setze mich also in den Banliötren, wobei mir klar wird, dass man hier wohl niemals alle Arten der Verkehrsmittel ausprobiert haben wird. Kurz nachdem der Zug angerollt ist, hält er erneut an, weil auf einmal eine Menge Leute angerannt kommen, die einsteigen wollen. Das machen die İstanbuler immer: lange Zeit kommt niemand, man freut sich über den Platz im Bus, und dann, wenn es losgeht, strömen sie heran; nicht, dass sie dagestanden und gewartet hätten, nein die Türken scheinen eine innere Uhr zu haben, die sie präzise 10 Sekunden nach Abfahrt zum Bus/Metrobus/Dolmuş/... bringt, was sehr erstaunlich ist, da die Busse sich eher weniger an den ihren Plan halten.
Jedenfalls, mit weitern Fahrgästen beglückt tuckern wir los, ich steige bei der ersten Station gleich wieder aus und marschiere weiter. Überquere wie immer überfüllte Strassen, frage mich durch, und finde endlich die besagte Hauptstelle der I.E.T.T., der türkischen SBB.
Es sind ziemlich viele Leute hier, sie sitzen draussen auf einer langen Bank oder auf einen kleinen Sims daneben, und noch mehr quetschen sich in das kleine Office, in dem ich eine Anzeigetafel finde, und zwei Schalter, an denen Nummer 77 und 78 bedient werden. Ich drücke den Knopf und erhalte meine Nummer, es ist die 347.
Wie können die alle bloss so gelassen bleiben!?!?!
Ich erkunde mich beim Wachpersonal am Eingang des Areals nach einer Alternative und erfahre, dass es noch 2 weitere solche Offices gibt, die seien allerdings noch überfüllter.
Nach warten, lesen, warten, zum Supermarkt gehen, Passfotos machen (davon braucht man hier ganz viele), lesen, warten, mit den Sitznachbarn mein Türkisch verbessern, von armen Kindern angebettelt und meinen neuen Kollegen darüber belehrt zu werden, dass das alles Lügner sind, nach gut eineinhalb Stunden stelle ich mich ins gequetschte Office, weil die Nummer 340 dran ist, und ich die meine nicht verpassen will. Die Spannung steigt, denn es ist nun schon 16.15 Uhr und um 16.30 Uhr schliessen sie. Ich habe Glück, 347!, ich reiche die Papiere ein, sie werden gestempelt und ich weggeschickt (6 Sekunden). Zum Glück spricht der nebenan Englisch und macht mir klar, dass ich morgen wiederkommen soll, einfach reingehen, ohne Nummer (yeah!!) und die Karte abholen.

Meine Wartekollegen laden mich noch zum Kaffee ein und ich setze mich erleichtert ins Schiff zurück nach Europa. Es ist so schön, so schön, so schön, das Wasser ist blau und der Himmel auch, und dazwischen die Minarette und Kuppeln, und das alles entschuldigt die ganze Anstrengung und Mühseligkeit des Tages.
Auf jeden Fall fast: auf einmal bin ich mir doch nicht mehr so sicher, ob ich mein Studentenvisum beantragen will – die Horrorgeschichten von 10 Stunden im Ausländeramt erscheinen mir auf einmal sehr glaubwürdig – oder ob ich nicht doch lieber kurz aus- und dann wieder einreisen soll, um mit dem Tourivisum legal zu bleiben...
Bevor ich mich entscheide, werde ich morgen zum Hasanpaşa zurückkehren. Mein dortiger Erfolg oder Misserfolg wird mir hoffentlich mehr Aufschluss geben.

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