Ob er gerne Crème und Zucker hätte, hat meine Kollegin den Gast gefragt, und er hat geantwortet: "Schwarz! Das soll ja bekanntlich schön machen." Ich stand mit dem Rücken zu ihm und habe gesagt: "Kalt. Kalter Kaffe soll schön machen, nicht schwarzer. Regen und kalter Kaffe." Sprüche bezüglich sonniger Kindheit oder "Aber aufpassen, dass es nicht kitschig wird!" habe ich mir verkniffen. Obwohl's mir auf der Zunge gelegen hätte.

Freitag, 13. November 2009

Yabancı!

Hier ist vieles wie in einem Bilderbuch: überall Moscheen, überall Döner/Iskender/Köfte-Stände, die Häuser sind eng neben- und aufeinander, und besetzt mit unzähligen Satellitenschüsseln und Klimaanlagen, überall lustig lachende Bazarverkäufer und Männer mit Schnäutzen, die vor ihren Supermärkten sitzen, Tee trinkend. Später ist es dann Rakı, dazu eine Nargile, und die Frauen tanzen Bauch zu live Darbukasounds.

Aber das alles findet seine Krönung an einem Ort ein wenig ausserhalb der Hauptattraktionen: im Ausländeramt. Dieses ist in real so klischeehaft, wie kein noch so reisserischer Dokumentarfilm es darstellen könnte.
Vor dem Eingang stehen ca 5 Polizisten mit grossen Gewehren, sie bewachen lässig die zwei Eingänge und weisen die Leute durch die Drehtür. Niemand spricht englisch und der Typ am Ampfang fragt, welches Land das denn sei, während er meinen Pass studiert.
Dann steht man im Hof vor einer riesigen Fensterfront im 70er-Jahre-Stil. Von innen ist es nicht weniger gleich der Vorstellung, die man davon hat: beiger Marmor, grobe Treppe, niedirge Decken, alles kahl, das Licht wie in der Bahnhofstoilette. Hinter dem langen Desk ein spärlich beleuchtetes dafür leicht überbevölkertes Aquarium. Überall Polizisten, die entweder genervt herumsitzen, geschäftig herumgehen oder sich fachmännisch durchs gegeelte Haar fahren, und vor allem: Ausländer. Sie sitzen, lehnen, quetschen sich neben- und hintereinander, afroamerikanische Jugendliche, Männer mit balkanischen Gesichtern, und Heerschaaren von Kopftuchträgerinnen.

Nach meinem ersten Versuch heute Morgen bin ich wieder hier. Eigentlich hätte ich ja um 11.45 Uhr einen Termin gehabt, aber ich werde belehrt, dass alle Studenten um 16 Uhr wiederkommen sollen. Und so traf ich um 15.30 Uhr erneut in Block A, 1. Stock, und stelle mich hinter die anderen. Wir stehen in einer Schlange, die um die Ecke durch den „Wartesalon“ geht (ein ebenso hässlicher wie schmaler Gang, der feuertechnisch zu 100% nicht zulässig ist), und – warten.
Neben mir sitzt eine alte Frau, ein ein Buch liest mit dem Titel „The Invasion of the Jews“, und ich bin so erschreckt, dass ich gar nicht recht weiss, wo ich anfangen soll, meinen Schock anzusetzen: ist es, weil genau diese Frau, so harmlos sie auch aussieht, so ein Buch liest? Ist es, weil sie es gerade hier tut, im Ausländeramt, wo doch der eine oder andere Jude sein könnte? Oder ist es ganz einfach, weil es solche Bücher gibt? Zum Glück blicke ich nochmals hin und erkenne, dass es eigentlich „The Invention of the Jews“ heisst, und ich bin erleichtert.
Ausserdem bin ich auch endlich (nach einer geschlagenen Stunde) am vorderen Ende der Warteschlange angekommen, und ich kann endlich mein Nümmerli entgegennehmen, das mir den ersehnten Platz an einem Schalter sichert. Aber vorerst lieber wieder raus hier, immerhin bedienen sie gerade einmal 209, ich bin 397.

Ich setze mich also in die Cafeteria und bin ziemlich glücklich, in der Türkei zu sein, denn so kostet der Tee auch hier bloss 50 Kuruş (ca 30 Rappen). Ich sitze und stricke, plaudere mit dem Tischabwischer und kriege Schockolade geschenkt von einem Polizisten (Sorte Haarfachmann), bis ich das Gefühl habe, mich lieber wieder nach drinnen zu begeben und die Nummern im Auge zu behalten.
Mittlerweile hat sich die Ansammlung aufgelöst und es gibt sogar freie Stühle. Hier sitzen ist allerdings mühsamer als draussen, weil einem klar wird, wie endlos selten das DingDong beim Nummernwechsel erklingt. Bis es plötzlich nicht mehr aufhört, 10 Nummern, 20 Nummern, das nervt noch mehr, wie eine Klingel, macht doch endlich die verdammte Tür auf! Dabei klingen hier die Türklingeln ganz ander, wie Vogelgezwitscher. Ich bin ziemlich dankbar, dass sie dieses Geräusch hier nicht verwenden, das wäre ja zum verrückt werden.
Dankbar bin ich auch, als endlichendlich 397 aufleuchtet, und ich mich in das kleine Zimmer mit Schaltern und vielen Leuten quetschen darf. Ich gebe alle meine Papiere, erhalte Stempel, werde zum Warten für den nächsten Schalter angewiesen, und von da wieder zurück auf die andere Seite. Alles wird kontrolliert, unterschrieben, alles gut, nur ein kleines Problem: ich bräuchte das Residency Permit-Büchlein, welches ich leider nicht habe, da mir niemand davon erzählt hat. Und weil es schon 20.30 Uhr ist, kann ich es auch nicht mehr kaufen.
Also komme ich am nächsten Morgen wieder mit meinen gehefteten und verifizierten Blättern und kämpfe mich durch die Massen zum grossen Desk, wo sie mir den Schalter zeigen, an dem ich 135 Lira bezahle (huere Wucher!) und mich zum nächsten schieben lasse. Ich sehe zu, wie die Frau mein Papier zerschneidet, schliesslich drückt sie mir zwei Fötzel in die Hand und sagt: am Montag wiederkommen. Gleich ins Büro Buschkschrmftschlgnamalöksch gehen. Netterweise zeigt mir eine Leidensgenossin das Büro Buschkschrmftschlgnamalöksch (gleich hinten rum neben der Schlange um die Ecke und dann zweimal links), und ich schreite wieder raus aus dem Zentrum, und frage mich, ob sie meinen Visumsantrag jetzt im Computer haben, oder ob ich noch auf die Variante Autostopp zur bosnischen Grenze und zurück wechseln könnte.
Montag, Montang – inşallah!

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