Endlich habe ich mal Leute getroffen, mit denen ich über Politik sprechen kann. Das ist mit Türken nämlich etwas schwierig. –Meine neuen Freunde sind halt auch Kurden. Das hat wie gesagt den Vorteil, dass sie eher dazu bereit sind, über Regierungssysteme und aktuelle Geschehnisse zu diskutieren, da es für sie ein wichtiges Anliegen ist. Nachteil: auch sie sind nicht immer objektive Betrachter. Zudem sind sie Kommunisten. Aber interessant ist es alleweil.
Obwohl ich auch von ihnen längst nicht auf alles eine Antwort erhalte. Oder, besser gesagt, keine ausführliche Antwort. Denn vieles erklären auch sie mit denselben zwei Worten wie alle anderen: Burası Türkiye. Hier ist die Türkei.
Wie es denn sein kann, dass ein Mann, der wegen Beleidigung Atatürks für Jahre im Gefängnis war und den niemand im Land erst zu nehmen scheint, zum Premierminister gewählt wird; wie man einen Menschen zum Gott sprechen kann, wenn man eigentlich („dank ihm selbst“) von religiösen Zwängen wegkommen will; wie ein Land, das der EU beitreten will, ein Polizisten hat wie aus einem Mafia-Film; burası Türkiye. So ist es.
Hier redet auch niemand über die Schweinegrippe. Manchmal denke ich daran, weil ab und zu jemand mit Mundschutz herumläuft, aber das sind meist alte Japanerinnen inmitten einer asiatischen Tourigruppe, und die tun das ja so oder so. Ich glaube eigentlich, dass sie Istanbul erreicht hat, obwohl ich mir nicht vorstellen kann, dass sie in diese Stadt kommen kann, ohne gleich alle Leute zu infiszieren. Die Leute hier leben so sehr aufeinander, in Bus und Tram Gesicht an Gesicht, da brächte es auch nichts, aufs Händeschütteln zu verzichten, aber daran denken sie hier nicht einmal. Sie reichen frisch-fröhlich ihr Geld von Hand zu Hand quer durch den Minibus zum Chaufför, und ich habe gerade einmal eine kurzen Spot gesehen am TV, der belehrt, dass man in dieser Situation immer Nastücher bereit haben soll, dass man zumindest nicht gleich in seine Münzen niesst. Aber zu spüren ist nichts. Vielleicht sollte ich mal im Internet nachlesen, was so os ist. Auch habe ich mir überlegt, dass es doch klüger wäre, sich jetzt anzustecken, wenn noch alles funktioniert, und dann ist man immun, wenn alle flach liegen. Vielleicht kann ich das auch im Internet nachlesen, und eine Seite suchen, wo ich mir einen geeigneten Ansteckpartner finden kann. Obwohl, sollte es so etwas geben, ist es für Türken höchstwahrscheinlich gesperrt, so wie Youtube und Myspace gesperrt sind. Wobei diese Sperre so einfach zu umgehen ist, dass es fast schon ironisch scheint.
Und je länger ich hier bin, desto mehr wird mir klar, wie präzise die Türken manchmal über ihr Land reden. Ich könnte noch sehr viel erzählen, erklären, beschreiben. Ich könnte ein Buch füllen mit Hinweisen auf die Geschichte, die sozialen Strukturen heute und vieles mehr. Oder ich kann einfach sagen: Burası Türkiye.
Ob er gerne Crème und Zucker hätte, hat meine Kollegin den Gast gefragt, und er hat geantwortet: "Schwarz! Das soll ja bekanntlich schön machen." Ich stand mit dem Rücken zu ihm und habe gesagt: "Kalt. Kalter Kaffe soll schön machen, nicht schwarzer. Regen und kalter Kaffe." Sprüche bezüglich sonniger Kindheit oder "Aber aufpassen, dass es nicht kitschig wird!" habe ich mir verkniffen. Obwohl's mir auf der Zunge gelegen hätte.
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